1996 - 2022 herausgegeben von Paul Tiedemann |
0. Gewissensfreiheit allgemein
0.1 Philosophische Literatur
Zur Startseite
Norbert Hoerster
Was ist Moral? Eine philosophische Einführung
Stuttgart: Reclam 1. Aufl. 2008
Man kann durch Trittbrettfahren äußere moralische Sanktionen vermeiden. Damit eröffnet sich die Option gegen Moral bei gleichzeitiger Werbung für Moral gegenüber anderen. Das geht nur dann nicht, wenn die Sanktionen im Gewissen verinnerlicht sind. Es gibt zwei Gründe, warum man ein Leben mit einem Gewissen einem Leben ohne Gewissen vorziehen sollte. Der erste Gesichtspunkt ist eine Einstellung der Fairness. (S. 85) Man muss sich die Frage stellen, ob man ein Leben als Schmarotzer mit dem eigenen Ideal vom einem gelungenen Leben vereinbaren kann. (S. 86) Der zweite Gesichtspunkt ist, dass es psychisch einfacher ist, wenn man sich nicht immer verstellen muss und anders reden muss als man denkt, bzw. auch anders nach außen handelt, als man eigentlich handeln will. Heuchelei erfordert viel Mühe und Aufmerksamkeit. Lichtenberg sagte: "Kluge Leute glauben zu machen, man sei, was man nicht ist, ist in den meisten Fällen schwerer, als wirklich zu werden, was man scheinen will." (S. 92)
Moralischer Tadel setzt Schuld voraus und damit eine gewisse Freiheit, aber nicht Freiheit von Determination (Willensfreiheit): Man muss drei Arten von Freiheit unterscheiden: Freiheit 1: Freiheit von Determinismus, Freiheit 2: Freiheit von physischen Handlungshindernissen (Freiheit zu tun, was man will), Freiheit 3: psychische Freiheit, d.h. Freiheit, sich aus Gründen für ein bestimmtes Handeln zu entscheiden. (S. 99) Freiheit 3 kann es auch geben, wenn es an Freiheit 1 fehlt. (S. 100) Wenn man Vergeltung üben will, ist man auf Freiheit 1 angewiesen, denn es ist sinnlos, einem Täter ein Übel zuzufügen, der zu seiner Tat determiniert worden ist. Geht es aber um Prävention, dann ist Freiheit 3 ausreichend, weil sie die Beeinflussung des Willens durch Abschreckung ermöglicht. (S. 103)